The Chinese Way of Life?

von | 2019, Mai | Digitalisierung

Vor wenigen Tagen hat US-Präsident Trump den Kommunikations-Notstand in den USA ausgerufen. Die damit einhergehenden Restriktionen für den freien Handel sind auch für die gesamte Medien- und Druckbranche relevant, besonders perspektivisch. 

Bildquelle, Titelbild: Lizenztyp: Creative Commons, 2.0 Generic (CC BY 2.0). Urheber des Bildes: Kārlis Dambrāns, Bildquelle flickr.


 

Mit Blick auf Content- und Social-Media-Marketing, die grundlegende digitale Kommunikation sowie Werbung, spielen Medien wie Smartphones sprichwörtlich eine tragende Rolle. Medien transportieren Content – sie tragen Inhalte. Smartphones sind zwar auch Sender, vor allem aber Medienempfänger (Digitale Empfangsgeräte, Devices) von Inhalten jeder Form.

Digitale Weltmacht

Als Empfangsgeräte sind Smartphones also besonders für das gesamte Marketing-Universum von unschätzbarem Wert. Zudem liefern sie, in umgekehrte Richtung, wertvolle Trackingdaten von Usern, z. B. mithilfe von Apps. Daten wie Stimmen, Bewegungen, Bilder, Adressen, Korrespondenz, Hobbys und vieles mehr, werden teilweise ununterbrochen gesammelt und gespeichert. Wer sich eine App herunterlädt, stimmt dem proaktiv zu, wenn auch meistens unbewusst.

Der Datenfluss in beide Richtungen ist für die, die ihn zu beherrschen wissen, mehr als Gold wert. Die dahingehende globale Macht, die Tech-Konzernen wie Google, Microsoft, Apple, Adobe, Intel, Infineon, Facebook etc. in nur wenigen Jahren auf sich vereinen konnten ist mittlerweile systemrelevant.

Erst letzte Woche wurde bekannt, dass US-Präsident Donald Trump den Telekommunikations-Notstand ausgerufen hat, mit ebendieser Begründung. Solche Notstände ermöglichen es der Legislative, besondere politische Maßnahmen durchzuführen. Das Handelsministerium in den USA ist nun berechtigt, Geschäfte von Technologie-Konzernen zu unterbinden, soweit sie ein Risiko für die nationale Sicherheit darstellen könnten.

Google sperrt Android-Updates

Kommentatoren und Experten vermuten, dass Trump mit diesem Notstandsdekret vor allem den schärfsten Konkurrenten von US-amerikanischen Tech-Giganten, den chinesischen Kommunikationsriesen Huawei, treffen wollte. Und tatsächlich: Google gab bekannt, dass die wichtigsten Kooperationen mit Huawei vorerst, jedoch mit sofortiger Wirkung gekappt werden.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Google den chinesischen Hersteller nicht mehr mit Software versorgt, solange es sich dabei nicht um Open-Source-Produkte (Android Open Source Project) handelt.

Konkret sperrt Google mit sofortiger Wirkung die Updates des Betriebssystems Android für Smartphones und den Zugang zu Google Play, explizit für neue Huawei-Geräte. Zudem sollen die Verbindungen zu Google-Produkten wie Gmail, zum Kalender und anderen Diensten von Google gekappt werden. Medien berichten, dass Google diese Entscheidung nicht selbst getroffen habe, sondern damit auf die Notstandsverordnung der US-Regierung regiert.

Bereits gekaufte Huawei-Handys sollen weiterhin wie gewohnt funktionieren. Sicherheitsupdates von Android werden wohl, wenn überhaupt, nur noch verspätet geliefert, denken wir nur an die neue Android-Version Q.

Es überrascht, dass diese Nachricht kein größeres Echo in den Medien gefunden hat, denn diese Maßnahme ist angesichts der Beliebtheit des chinesischen Smartphones äußerst markant. Dieser Schritt ist eine neue, krasse Eskalationsstufe im erbitterten Handelskrieg zwischen beiden Nationen.

Angesichts der Entscheidung von Google und z. B. auch Infineon, die Kooperation mit Huawei in wichtigen Bereichen vorerst zu kappen, verunsichert kommerzielle und private Nutzer. Bildquelle: pixabay

Huawei annähernd globaler Marktführer

Immerhin hat sich Huawei in den vergangenen gut zehn Jahren von einem No Name-Smartphone zum zweit beliebtesten Medienempfangs-Device weltweit entwickelt und US-Produkte wie das Apple iPhone, gesehen auf die globalen Marktanteile, weit hinter sich gelassen. 2018 gingen über 59 Millionen Smartphones des chinesischen Tech-Giganten über den Tresen. Es hat sich herumgesprochen, dass die Smartphones aus China mittlerweile technisch nicht nur mithalten können, sondern teils mit besseren Komponenten ausgestattet werden – und das zu teilweise erheblich besseren Preisen.

Heute hat das Huawei-Smartphone einen globalen Marktanteil von annähernd 20 Prozent – fast gleichauf mit dem südkoreanischen Marktführer Samsung, mit immer noch 21 Prozent. Apple musste in puncto weltweiter Marktanteile herbe einstecken – der globale Absatz sank von 18 Prozent im ersten Quartal 2015, auf 12 Prozent im ersten Quartal  2019 (Quelle Counterpiont). Natürlich spielt die enorme Bevölkerungszahl Chinas, mit circa 1,4 Milliarden Menschen, eine Rolle bei den globalen Marktanteilen. Die jeweiligen Marktanteile in den USA bzw. in Europa und in China variieren entsprechend stark.

Chinesen mit eigenem Betriebssystem

Die Chinesen haben bereits vor einigen Jahren ein eigenes Betriebssystem gebaut. Wie seinerzeit bekannt wurde, quasi für den Fall der Fälle. Der ist nun eingetreten.

Heise online berichtet, dass die US-Behörden Huawei verdächtigen, Spionage für die chinesische Regierung zu betreiben. In den Foren der verschiedenen Nachrichtendienste war häufig zu lesen, dass Google selbst und auch andere US-amerikanische Unternehmen Spionage betreiben würden. Immer wieder verweisen Foristen auf die Überwachung des Smartphones von Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einigen Jahren.

Unterm Strich bleibt verständlich und nachvollziehbar, was die Trump-Regierung mit Import-Zöllen und jetzt mit dem Notstand bezwecken will. Maßnahmen, die teilweise auch Europa derzeit zu spüren bekommt. Trump bewertet u. a. auch deutsche Automobilhersteller wie BMW, Mercedes oder Volkswagen als, so wörtlich: „Bedrohung der nationalen Sicherheit“, obgleich z. B. alleine BMW in South Carolina jährlich etwa zehn Milliarden Euro umsetzt und 9.000 Menschen in dieser Region beschäftigt.

So leger und fast schon entspannt, wie die EU auf die neuen Töne aus den USA reagiert hat, scheinen es auch die Chinesen zu tun. Ob dieser Amok-Lauf von Trump der amerikanischen Wirtschaft hilft, darf bezweifelt werden. Die Maßnahme wirkt eher wie ein letztes Gefecht, abseits der Grundsätze einer freien Marktwirtschaft.

Allerdings gilt das auch für die Chinesen, die Google in ihrem Land gesperrt haben.

Kommt jetzt der Chinese way of life?

Mich beunruhigt, dass den Amis offensichtlich nichts Besseres mehr einfällt, als jetzt den Notstand auszurufen. Ich frage mich, wie und ob sich die EU hier in die eine oder andere Richtung bekennt. Wird der jahrzehntelange, durchaus auch positive, ja fast schon gemütliche Einfluss Amerikas auf mein Leben (erste Fremdsprache, Filmindustrie, Trends, Lebensweise, Konsumgewohnheiten und vieles mehr) künftig mehr und mehr durch ähnliche Impulse aus China weichen? Wenn ja, wie schnell? Mit welchen Konsequenzen?

Die Tatsache, dass Konzerne wie Google, Apple, Microsoft oder Intel, aber auch andere Industrien in den USA all das offensichtlich stillschweigend und fast schon wohlwollend hinnehmen, fühlt sich nicht wie Stärke an, sondern eher wie ein Schwächeanfall. Ist Big-Brother in die Jahre gekommen? Was bleibt in den kommenden zehn Jahren noch vom American Way of Life übrig? 

West versus Ost?

Für die vielen Huawei-User in Europa stellt sich nun die Frage, ob sie weiterhin auf US-amerikanische Produkte setzen sollten. Ein Kommentar resümiert: „Das ist die Wahl zwischen Pest oder Cholera“. In unserer Redaktion kommen u. a. auch Huawei-Smartphones zum Einsatz. Zugleich auch viele Google-Produkte, allen voran das Android-Betriebssystem, aber z. B. auch Produkte von Microsoft wie Windows oder Office.

Sollte sich der Handelsstreit weiter zuspitzen, werden sich viele Nutzer wohl schneller als erwartet die generelle Frage stellen, ob sie künftig besser auf chinesische Hightech-Produkte setzen sollten, die, wie erwähnt, durchaus mit teils deutlich besseren Preis-Leistungen daherkommen. Dabei dürften Überlegungen eine Rolle spielen, wann und mit welchen Folgen China zur führenden Wirtschaftsnation aufsteigt und vor allem, welche Folgen das für die Wettbewerbsfähigkeit US-amerikanischer Schlüsselindustrien hat.

„Bei der Digitalisierung setzen wir, soweit möglich, auf die Chinesen. Mit Blick auf die Investitionssicherheit in den nächsten 20 Jahren dürfte das der sicherste Weg sein“, erzählte uns neulich ein Mediendienstleister. Mich hat das beunruhigt.

Nutzer von Google-Produkten, die zeitgleich Huawei-Smartphones verwenden, dürften dies angesichts der neuen Eskalation wohl unterstreichen, schließlich sind sie jetzt möglicherweise die Leidtragenden. Mindestens aber künftig gezwungen, sich genereller denn je zu entscheiden:

West versus Ost.


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