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Industrie 4.0: Alles muss raus!

Industrie 4.0: Alles muss raus!

500 Milliarden vernetzte Geräte im „Internet der Dinge“ bis 2020, industrielle Maßanfertigungen, smarte Produktionen usw. Die Begrifflichkeit „Industrie 4.0“ steht vor allem für die digitale Transformation.

Ein Diskurs über die Folgen digital transformierter Märkte ist überfällig und sollte die einschneidende Entwicklung der Digitalisierung begleiten, damit sie nachhaltig funktioniert.

Investitionszwang

Flüssige Unternehmen sind angesichts der EZB-Politik quasi zu Investitionen getrieben. Sparen war gestern. Heute wird expandiert. Paradox, denn die Kaufkraft nimmt aufgrund der Rationalisierungs- und Automationswelle seit Jahren ab. Dennoch führt kaum ein Weg an Investitionen vorbei: Durch Null- oder Minuszinsen und den ungleichen Wettbewerb mit Unternehmen anderer EU-Staaten, denken wir an osteuropäische Unternehmen, die von EU-Zuschüssen profitieren und deutlich weniger Mindestlohn schultern müssen, gleichwohl dieselben Absatzmärkte bedienen. Immerhin: Die Löhne in Europa gleichen sich aneinander an, wenn auch nur sehr langsam.

Investitionen sind unter normalen Umfeldbedingungen der richtige Weg, um einen Betrieb zu modernisieren. Derzeit jedoch wird nur selten als Reaktion auf expansive Märkte investiert, sondern oft der Verdrängung wegen, mit noch nie dagewesener Dynamik.

Das Zauberwort „Produktivität“ bedeutet häufig das Substitut von sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen.

Im zweiten Teil zitieren wir renommierte Wirtschaftsexperten und Studien, die das bestätigen. Während normalerweise in einer gewissen Proportion zum Absatzumfeld investiert wird, begünstigt die Geldpolitik der EZB von Grund auf einen regelrechten Modernisierungs- bzw. Investitionswettbewerb. Momentan wird dabei kaum auf konstruktive, sondern vielmehr auf destruktive, arbeitsplatzersetzende Technologien gesetzt.

Alles läuft auf Verdrängung hinaus: Wer am effizientesten Jobs verdrängt oder in Niedriglohnjobs wandelt, gewinnt im Regelfall auch den Wettbewerb mit seinen Konkurrenten.

Bekannt ist, dass die EZB monatlich 80 Milliarden Euro in die Märkte investiert, so auch in marode Unternehmen, wohl um einem Kollaps der europäischen Wirtschaft zu entgehen. Es ist zu kompliziert, um zu bewerten, ob uns diese Maßnahmen schließlich gerettet haben oder die Folgen in einigen Jahren noch dramatischer werden als das, was möglicherweise ohne diese Milliarden geschehen wäre.

Wo bleiben Draghis Milliarden?

Es spricht nichts dagegen, keine Zinsen auszuschütten, denn Geld kann bekanntlich nicht arbeiten. Sparer und Banken jedoch zur Ausgabe von Geld mit Strafzinsen für Nichtkonsum zu zwingen, ist aus Sicht vieler Experten falsch. Konsumzwang, selbst für Dinge, die die Welt gar nicht braucht? Draghis Idee, die Banken mit Strafzins zu belasten, wenn sie ihre Gelder bei der Europäischen Zentralbank (EZB) parken, statt Kredite an Unternehmen und Verbraucher zu vergeben, geht für sie in eine völlig falsche Richtung.

Aus Angst, Kunden und ihre Spareinlagen zu verlieren, wenn sie den Strafzins voll durchreichen, würden Banken die Kosten für bestimmte Kredite wahrscheinlich einmal mehr erhöhen, um die Mehrkosten fürs Parken bei der EZB zu kompensieren oder sich alternativ auf sehr riskante Finanzierungen einlassen – das Gegenteil vom Gewollten schadet hier der deutschen Wirtschaft.

Hierzulande werden Kredite zögerlicher und mit mehr Restriktionen gewährt als in anderen EU-Staaten, wo selbst marode Konzerne jetzt mit sog. Unternehmensanleihen finanziert werden. Auch erste EZB-Gelder sind bereits in den Bilanzen solcher Unternehmen aufgetaucht, denen eine Sanierung mehr geholfen hätte als das viele Geld.

Wer nicht konsumiert, zahlt

Drohende Negativzinsen, die derzeit bereits von der Commerzbank freundlich als „Guthabenzinsen“ deklariert und mit minus 0,3 Prozent für Vermögen ab 250.000 Euro erhoben werden, sollen Vermögende, die noch flüssig sind, mit Nachdruck, um nicht zu sagen: mit Gewalt „stimulieren“, zu investieren oder zu konsumieren.

Sparern und Unternehmern, die das nicht wollen, bleibt nur der Weg, Bargeld in Tresoren zu deponieren oder im Kopfkissen – selbst Sparkassen und Versicherungen wollen ihr Geld jetzt bunkern, um den Strafzahlungen zu entgehen. Die Nachfrage nach Schließfächern ist sprunghaft gestiegen.

Gleichwohl erlebte der Euro in den vergangenen 20 Jahren bereits einen gewaltigen Wertverlust. Das macht Bunkern ebenfalls zu einem Minusgeschäft.

Um dieses Sparen zugunsten von Investitionen zu verhindern, wird zunächst der 500-Euro-Schein 2018 abgeschafft. Zudem sollen Barzahlungen auf 5.000 Euro beschränkt werden. Das erschwert das Horten von Geld aus vorgenannten Gründen oder da Vermögende künftig zudem auch noch für ihre Banken haften.

Finanzprodukte wie Lebenspolicen oder Sparbücher werfen nichts mehr ab, womit eine private Altersversorgung extrem erschwert wird. „Kauft, was Ihr eigentlich nicht braucht“, so die Losung der EZB, „oder investiert es an den Börsen.“ Dort bekommen es Konzerne, die derzeit selber nicht immer wissen, wo sie es noch „expansiv“ investieren sollen.

Investieren, um Kapital zu retten

Je mehr liquide Unternehmer also durch Zwangsmaßnahmen zu Investitionen gedrängt werden, um ihre Vermögen zu sichern, desto hektischer werden sie verständlicherweise „rational“ und gewinnbringend in „smarte Produktionen“ investieren.

Unternehmer, die über kein Eigenkapital verfügen, versuchen in diesem Umfeld trotzdem über Kredite zu investieren, um mithalten zu können. So auch in der Druckbranche. Meistens unterstützt durch erstaunlich kreative Finanzierungsmodelle und „luftige“ Zahlungsvereinbarungen von Seiten der Industrie, die sich einfacher über Banken refinanzieren kann und damit immer mehr Finanzierungsrisiken selber übernimmt bzw. die EZB und schließlich die Steuerzahler.

Stühle rücken

In Folge dessen wird auch das weiterproduziert, was die Märkte entweder gar nicht nachfragen oder schlicht nicht mehr aufnehmen können. Ein Investitionswettbewerb in berauschenden Dimensionen.

Wer zu wenig in seine Prozesse und Produktionen investiert, so die neue Richtung, wird schließlich von investitionsfreudigeren Unternehmen „weginvestiert“ – ein temporeiches Wettrüsten auf Zeit. Kapitalismus lebt zwangsläufig von immer schnelleren Zyklen. Man fühlt sich an „Stühle rücken“ erinnert.

Investitionszwang in der Druckbranche, Karikatur

Unternehmen sind häufig gezwungen, in Rationalisierung zu investieren, auch wenn dies gegen die allgemeine Lage der Märkte spricht. Bildnachweis: GPG GmbH.

Blasenbildung, Überkapazitäten, hohe Lagerbestände

Dieses wirtschaftspolitische Umfeld des billigen Geldes führt auch zu Blasenbildungen: bei Immobilien, den Renten, an den Börsen oder eben durch Überproduktionen.

Banken sollen nach dem Willen der EZB Konsum und Investition auf Teufel komm raus finanzieren. Die Industrie produziert somit nicht selten Maschinen, die Produkte herstellen, welche von den Zielmärkten immer schleppender aufgenommen werden. Und wenn, häufig mit enormen Preisabschlägen. Das Prinzip: Investitionen rauf, Verkaufspreise runter. Ein Beispiel liefert die Automobilindustrie, die Automobile schon seit Jahren auf Halde produziert. Berichte darüber finden sich seit Jahren vermehrt in den Medien.

In einer Studie des CAR-Instituts der Universität Duisburg-Essen verdeutlicht der Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer beispielsweise, dass nicht etwa der Bedarf an neuen Kfz so groß wäre, wie die gemeldeten Neuanmeldungen vermuten lassen.

Überproduktion trifft schrumpfende Absatzmärkte

Um sich nicht eingestehen zu müssen, ihre Automobile nur noch mit Abschlägen von bis zu 30 Prozent absetzen zu können, werden die Fahrzeuge mit einer bisher unerreichten Quote von 35,1 Prozent selber angemeldet, um sie wie üblich als Gebrauchte, derzeit jedoch mit enormen Rabatten abzusetzen. Mehr als in den Krisenjahren 2008 und 2009 – jedes dritte neu zugelassene Auto stellt keinen realen Verkauf dar. Die so verkündete agile Kauflaune der Verbraucher ist kaum mehr als eine Illusion.

Eine global zu beobachtende Überproduktion historischen Ausmaßes. In Fernost stehen Hunderttausende Automobile auf gigantischen Parkplätzen, eingewachst und auf bessere Zeiten wartend.  Die werden sich jedoch nur mit fair bezahlter Beschäftigung einstellen. Damit schließt sich der Kreis. Während die Produktionskapazitäten laufend steigen, fallen laufend mehr Beschäftigte als Konsumenten aus und können häufig nur noch den Grundbedarf wie Wohn- und Lebenskosten decken.

Mehr Output pro Beschäftigten

Auch in der Druckbranche sind überdimensionierte Kapazitäten keine Seltenheit mehr. Maschinenparks, die teils nur noch im Ein- oder Zweischichtbetrieb gefahren werden, da auch hier der Markt die theoretisch bestehende Produktionsleistung gar nicht mehr aufnehmen könnte.

Selbst oder gerade in diesem derzeitig volatilen Umfeld werden also noch leistungsfähigere Maschinen produziert, mit teilweise enormen Abschlägen vermarktet und schließlich in der Hoffnung angeschafft, die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Das Ziel: Mehr Output pro Beschäftigten – branchenübergreifend. Auch darum steigen Arbeitslosigkeit und Sozialausgaben. Noch unmittelbarer als die Arbeitslosigkeit im Umfeld der neoliberalen Industrie-4.0-Idee ist die fehlende Kaufkraft durch seit gut einem Jahrzehnt real sinkende Reallöhne. Belastbare Fakten über die tatsächliche Marktlage zu bekommen, ist angesichts optimierter Statistiken schwierig.

Wie erwähnt, passiert dies alles in Verdrängungsmärkten, nicht etwa in expansiven.

Industrie 4.0: Weil wir es können

Hinter dem Begriff Industrie 4.0 stehen wunderbare Technologien, die unser Leben erleichtern werden – es „smarter“ gestalten, so die durchaus spannenden Visionen. Das Internet der Dinge, die neue digital transformierte Welt, steht auch für „smarte“ Industrieproduktionen, individuell maßgeschneiderte Produkte, für optimierte Prozesse, verkürzte Produktionszyklen sowie eine nochmalige Beschleunigung der Warenumschlagsrhythmen.

Industrie 4.0: Neoliberales Bekenntnis trifft Digitalisierung, Automatisierung und Rationalisierung in bislang unerreichter Präzision und Konsequenz.

Zusammenfassend wirken Investitionen in spezielle Technologien, die als wesentliche Bestandteile von Industrie 4.0 genannt werden, paradoxerweise häufig doch gerade gegen die Vitalität der Absatzmärkte für Produkte, die mit diesen Technologien doch gerade noch schneller und „smarter“ umgesetzt werden sollen.

Wettbewerb und Konkurrenz beleben das Geschäft? Durch den rasend schnellen Fortschritt und die Doktrin freier „neoliberaler“ Märkte gilt dieser Grundsatz längst nicht mehr uneingeschränkt.

Ziel: Verdrängung

Den tieferen Sinn dieser Dynamik mit dem demografischen Wandel und bald fehlenden Arbeitskräften oder dem angeblich schon bestehenden Fachkräftemangel alleine zu begründen, ist sicher zu kurz gegriffen.

Tatsächlich werden diese Technologien gebaut, weil man es kann und sich Gewinne damit erzielen lassen. Natürlich auch, da Unternehmen sie wollen, um den Wettbewerb zu gewinnen. Die Industrie sieht im Eifer dieses Gefechtes kaum Anlass, nach der Sozialverträglichkeit zu fragen. Selbst nicht, da die steigende Arbeitslosigkeit unmittelbar auch die eigenen Absatzchancen minimiert. Ganz im Gegenteil:

Die betriebswirtschaftlich korrekte Strategie ist, schneller als die Marktbegleiter „smarter“ zu werden. Ist die Konkurrenz erst ausgeschaltet, lässt es sich selbst in geschrumpften Märkten noch gut absetzen.

Rationalisierungsspirale

Richard Posner, Jura-Professor an der University of Chicago, argumentiert in einem 2013 veröffentlichten Beitrag auf seinem gemeinsamen Blog mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Gary Becker, dass die Wirtschaft diesen bisher einmalig rasanten technologischen Fortschritt nicht absorbieren könne und am Ende nur wenige Unternehmen profitieren: „Die Folge ist explodierende Arbeitslosigkeit, die wiederum zu sinkenden Einkommen, sinkenden Preisen, fallenden Produktionen und noch schwächerer Nachfrage nach Arbeitskräften führt.“

Am Ende profitieren in der EU vielleicht noch 500 Unternehmen eines Segments von 50 Millionen solventen Konsumenten und nicht 5.000 Unternehmen von 150 Millionen. Für die Überlebenden ist das ein gutes Geschäft und das ist die Triebfeder. Möglich ist das nur durch Substituierung von Menschkraft, so effektiv wie möglich.

Lesen Sie im zweiten Teil dieses Beitrages:

  • Entwicklung Roboter in Industriestaaten
  • Androide und humanoide Roboter
  • Studie Arbeitsplatzbilanz
  • Beispiele aus der Wirtschaft
  • Künstliche Intelligenz

 

Über den Autor

MM-Redaktion

Wir sind Menschen, keine Bots. Unsere Fachbeiträge sind „made by Homo sapiens“. Copy/paste-Beiträge sind nicht unser Stil. Unsere Themen sind analoge versus digitale Medien und die jeweiligen Discount- oder Premium-Segmente, Schnittmengen und das Thema: Content-Marketing. Content-Marketing ist Kommunikation. Content-Marketing ist die Verbindung zwischen Kunden und einer Marke. Content-Marketing zählt zu den wichtigsten Marketingdisziplinen. Content-Marketing wird nach wie vor nicht immer richtig interpretiert. Content sind Inhalte. Medien sind Träger. Inhalte und Träger bilden eine Einheit.

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