Wirtschaftsprobleme in der EU wurden selten gelöst, nur aufgeschoben. Die EU-Regierungen stehen vor einem Dilemma. Wenn die tatsächliche Lage schon nicht glänzt, dann wenigstens die gefühlte? Dabei helfen kreativ interpretierte Statistiken – ein Trend aus den USA.  

„Ich stehe Statistiken etwas skeptisch gegenüber. Denn laut Statistik haben ein Millionär und ein armer Kerl jeder eine halbe Million“, stellte Franklin Delano Roosevelt bereits fest.

Tatsächlich interpretieren Statistiker Statistiken heute derart kreativ, dass sich verwertbare Fakten ohne Weiteres nicht immer ableiten lassen.

Statistik-Boosting

Ja, mein Gott, mögen Sie denken, ändern kann ich ohnehin nichts an dem wirtschaftlichen Umfeld, sei es noch so bedenklich – bestenfalls darauf reagieren. Und auf was?

Wenn wir nicht wissen, wie die Lage ist, wissen wir auch nicht, wie sie nicht ist

oder morgen sein wird. Sollten wir das nicht wissen? Sollen wir das wissen?

Davon abgesehen, haben frisierte Statistiken sogar ihre guten Seiten. Tatsächlich ist bewiesen, dass der im Mutterland des Marketings, den USA, erfundene Trend, Statistiken zu optimieren, positive Auswirkungen auf die Stimmung und somit auch auf die echte Lage hat. Doch wie sollen wir auf Basis von weichgezeichneten Faktensammlungen real belastbare Strategien entwickeln?

Konformitätsdruck

Aber nochmals zurück zum „Statistik-Boosting“ und dem Grund dafür, denn so dumm ist das gar nicht:

Geboostete Statistiken wirken sehr konkret auf uns: Verbraucher beispielsweise  konsumieren mehr, wenn sie in den Medien erfahren, was beispielsweise so ein Durchschnittsbürger im Monat so alles kauft – und das spornt an:

Bin ich denn der Einzige, der nicht wenigstens 500 Euro im Monat für Konsum ausgibt?

Kann es sein, dass fast jeder innerhalb der letzten Jahre ein Neufahrzeug angemeldet hat, nur ich nicht? Scheinbar bin ich häufiger krank oder weniger fleißig als andere und der statistische Reichtum kommt bei mir irgendwie nicht an. Wenn derart viele mit ihrem Job zufrieden sind, warum ich nicht? Bin ich ein schlechter Manager, da ich es ablehne, mein Smartphone exzessiv auch im Urlaub zu benutzen obgleich dies, statistisch gesehen, über 60 Prozent tun?

Kurz: Statistiken sind relativ kluge Steuerungsinstrumente. Die US-Amerikaner haben das schon in den 70er Jahren erkannt, als in Deutschland noch spießige, lupenreine Statistiken entwickelt wurden – quasi als Steuerungsgrundlage für ihre Adressaten, nicht die Absender. Die moderne Statistikindustrie entwickelt wahre oder weniger wahre Fakten, die uns zeigen sollen, wie der Rest der Republik denkt und handelt. Sie zeigen, was viele haben, nur wir nicht?

Die Idee: Konformitätsdruck dient als Auslöser für das Verhalten oder die Einstellung von Personen innerhalb einer Gruppe. Häufig bewirkt solch ein Gruppenzwang die Anpassung des Verhaltens an die Gruppennormen. Besonders, wenn sie als Bedingung der Mitgliedschaft gelten. Die Wirksamkeit eines Konformitätsdruckes zeigt sich aber nicht zuletzt auch in der Anpassung des Verhaltens an die herrschende Sozialmoral und an die öffentliche Meinung (Solomon Elliot Asch, Gestaltungspsychologe und Pionier der Sozialpsychologie).

Nicht das Umfeld, so die indirekte Botschaft vieler Statistiken, sondern unsere Einstellung ist nicht richtig – nur sie müsste geändert werden.

Psychologie

Statistiken senden gewaltige Botschaft aus, die sich tief in die Psychologie eines Menschen eingraben, mit emotionalen Folgen. Neid spielt bei der Erzeugung von Isolation und Mangel eine wichtige Rolle. Experimente mit Kindern deuten auf ein grundlegendes Verhaltensprinzip des Menschen hin:

„Es ist besser für mich, wenn wir beide nichts bekommen, als wenn du mehr als ich hast.“

Zu diesem Ergebnis kommt eine US-amerikanische Studie, die in den „Biology Letters“ der britischen Royal Society veröffentlicht ist.

Statistiken zum BIP, über Krankheitstage, mittlere Einkommen, Arbeitslosenzahlen, die Inflationsrate und so weiter wirken zuallererst psychologisch. Statistiken aktiviere

a) einen gewissen Neidfaktor und spornen uns

b) an, aus einem offensichtlichen Abseits konform in die Gruppe der erfolgreichen und entspannten Konsumenten zurückzukehren.

Statistiken haben sich als stabilisierendes Instrument für Volkswirtschaften etabliert. Nicht nur, um Regierungen besser dastehen zu lassen, sondern wahrhaftig – ob wahr oder nicht.

Beispiele für Statistik-Optimierung

Sex, Drugs, Rock ’n‘ Roll

Die Arbeitslosenquote wird zwar nicht manipuliert, jedoch in den offiziellen Verlautbarungen um zwei bis drei Prozent gekürzt und konform über den Äther geschickt, damit möglichst viele Menschen sich wahlweise entweder gut oder schlecht fühlen. Das diese Zahl wertlos ist, um irgendwas daraus abzuleiten, steht dabei nicht im Fokus.

Auch die Berechnungsgrundlage für das BIP wird häufiger mal optimiert. So werden seit der letzten Revision der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung vom 28. April 2005 beispielsweise die bis dahin nicht erfassten indirekten Entgelte der Banken aus dem Kredit- (inklusive Aktivgeschäfte) und Einlagengeschäft berücksichtigt.

Seit 2014 fließen selbst illegale Aktivitäten wie Drogenhandel, Schmuggel, aber auch Prostitution mit ein. Kein Scherz.

Verdi geht davon aus, dass Prostitution alleine in Deutschland mit 14,5 Mrd. Euro p. A. am BIP teilnimmt.

Die Methode ist simpel: Einnahmen aus dem Drogen- und Sexgeschäft werden kurzerhand geschätzt, also orakelt. Geradezu satirisch ist die daraus resultierende Pro-Kopf-Wohlstands-Berechnung: BIP pro Kopf = BIP geteilt durch die Anzahl der Einwohner. Fertig. Eine daraus resultierende Pressemeldung könnte lauten:

„Stabile Wirtschaft! Wohlstand der Deutschen noch nie so hoch wie heute.“

Klingt gut. Tut gut. Nutzt nur nicht als Datengrundlage zur Entwicklung von Strategien.

Es macht einen großen Unterschied, ob 25 Millionen Konsumenten 2.000 Euro verdienen oder 5.000 Menschen zehn Millionen. Angesichts der hier einbezogenen Faktoren (Finanzen und Einnahmen durch Kriminalität etc.) und der von der Realwirtschaft mittlerweile abgekoppelten Finanzindustrie sind Angaben über das BIP so wertfrei wie die alljährlich über die Äther gemeldeten statistischen Pro-Kopf-Ausgaben für Weihnachtsgeschenke.

Statistik, Karikatur

Der Verhältnis zwischen Wahrheitsgehalt und der Versuchung sie als Steuerungsinstrumente zu verwenden, verschiebt sich ganz klar in Richtung Steuerung. Dass gilt sowohl für öffentlicher Stellen als auch für Unternehmen, die Statistiken nicht selten mit der gewünschten Zielsetzung in Auftrag geben. Bildnachweis: Designed by Freepik

Verbraucherpreisindex

Auch die  Ermittlung des Reallohnindexes sind so kreativ modelliert wie viele weitere Erhebungen des statistischen Bundesamtes.

Fachleute, wie der Buchautor und Finanzexperte Dirk Müller (Mr. Dax der ARD-Tagesschau, Berater des Bundestages etc.) kritisieren die Erhebungsmethoden seit Jahren,  u. a.  auch die Berechnungsmethode der Inflationsrate: „Man bilde einen sogenannten ,Warenkorb‘: Da komme einfach alles rein, was der Bürger (angeblich) braucht, und schaue dann, wie sich diese Preise verändern. Das klingt ganz gut, ermöglicht aber eine Menge Tricks“, kritisiert Müller. „Ich kann die Zusammenstellung in meinem Warenkorb beispielsweise so ändern, dass ich von den Dingen, die teurer werden, einfach weniger in den Warenkorb lege und dafür mehr von jenen Dingen, deren Preise fallen.“

So wurde beispielsweise die Gewichtung von Lebensmitteln, deren Preise in den letzten Jahren dramatisch anzogen, von 13,1 Prozent im Jahr 1995 auf 10,4 Prozent im Jahr 2005 reduziert. Gleichzeitig wurde der Anteil von Freizeit und Kultur, zu dem auch die immer billiger werdenden Fernreisen zählen, von 10,4 auf 11,6 Prozent erhöht. Zwischenzeitlich gab  es weitere Optimierungen.

Wenn Sie das nächste Mal beim Einkauf das Gefühl haben, dass der Einkaufszettel nicht länger, das Portemonnaie dafür aber dünner wird, könnte dies mehr als eine subjektive Einbildung sein. Auch im Geschäftsleben kann ein von Störgeräuschen isolierter Denkprozess, ein Instinkt manchmal mehr Wunder wirken als die neueste Erhebung.

Näher am Ergebnis

Bleibt immer noch die Frage nach der Planbarkeit von Strategien, die sich weitsichtige Unternehmer zu Recht stellen. Manchmal braucht es härtere als optimierte oder orakelte Fakten. Dazu einige Ideen:

  • Fragen Sie sich bei jeder Analyse und Statistik, wer sie für welchen Zweck, mit welchem Interesse oder für welche Auftraggeber erstellt hat.
  • Mehrere Statistiken sondieren, andere Ansichten einholen, konträre Auffassungen einbeziehen und daraus eine eigene Summe bilden.
  • Unabhängige Unternehmensberater mit Expertise fragen, die nicht konform sein müssen, was sie leider häufig sind, da sie als Industrie-Influencer dafür honoriert werden. Nicht diese Unternehmensberater, sondern Sie tragen die Verantwortung.
  • Eigene Umfeldbeobachtungen stärker gewichten, z. B. in der Branche, bei Geschäftskollegen oder im privaten oder betrieblichen Umfeld. Hier zeichnet sich real häufig schon sehr gut ab, was wahr ist, nehmen wir nur die Empfindung, was den Reallohn im Verhältnis zum Arbeitsvolumen betrifft. Jeder kennt jemanden, der zwei Jobs hat und trotzdem kaum über die Runden kommt. Das ist real.
  • Branchenevents, Befragungen und Aussagen von Kollegen gesund kritisch begegnen. Von 100 befragten Druckereien würden 99 auf die Frage nach der Wirtschaftslage positiv antworten, egal, wie die Lage ist.
  • Gegen den Strom denken. Das Internet liefert immer noch zahlreiche Orte für kontroverse Meinungen, deren Sondierung sich lohnen kann.

Dass sich Statistiken zunehmend wie „Marketing“ anfühlen, ist häufig gar keine Einbildung – wahrscheinlich hat sich dadurch einiges tatsächlich zum Besseren gewendet. Aber für Unternehmer muss natürlich gelten: Vertrauen ist gut, Fakten besser.

Fazit

Um ein Geschäftskonzept langfristig solide zu planen, muss man schon genau wissen, ob 2,9 oder 3,9 oder sogar 16 Millionen Beschäftigte für weiterführenden Konsum ausfallen oder ob dies künftig nochmals eine oder eher acht Millionen mehr werden.