Die Grenzen des Wachstums und wie die Lobbys bremsen

von | 2023 | Haptische Medien, MEDIEN | 0 Kommentare

Bild oben: Die Grenzen des Wachstums werden laufend neu taxiert, da die Ressourcenverschwendung anhält.
Die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Ausbau der Industrialisierung, die Ignorierung der Umweltverschmutzung durch naturschädliche Nahrungsmittelproduktion und die Ausbeutung natürlicher Rohstoffe hält unverändert an. Daher werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht sein. Dies führt zu einem ziemlich raschen und kaum aufzuhaltenden Absinken der Bevölkerungszahl und der industriellen Kapazität, solange die Umwelt weiterhin irreparabel zerstört oder die Rohstoffe weitgehend verbraucht werden.

Vor 51 Jahren, am 2. März 1972, veröffentlichte der Club of Rome den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“. Dieser erste umfassende und wissenschaftlich fundierte Report zur Zukunft der Erde warnte schon damals vor einer nur auf Wachstum ausgelegten Industrialisierung und den Folgen der Ausbeutung der Rohstoffe. Der Bericht veränderte zwar die allgemeine Sichtweise auf die anthropogenen Auswirkungen auf die globale Umwelt, führte aber dennoch zu keinem wirklichen Umschwung des menschlichen Verhaltens.

Eine Änderung der Wachstumsvoraussetzungen, um ein ökologisches und wirtschaftliches Gleichgewicht herbeizuführen, das auch in weiterer Zukunft aufrecht erhalten wird, erschien damals noch möglich, allerdings nur dann, wenn sich die Menschheit dazu entschließt, baldmöglichst diesen Gleichgewichtszustand herzustellen. Je rascher damit begonnen werde, betonte der Bericht, umso größer wären die Chancen, ihn auch zu erreichen.

Gründung des Umwelt Bundesamts UBA

1974 wurde in diesem Sinne das deutsche Umweltbundesamt gegründet. Eines der ersten Projekte war die Entwicklung eines Informations- und Dokumentationssystems Umwelt (UMPLIS). Außerdem wurde das Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) verabschiedet, um in Deutschland den Schutz vor Luftverschmutzung, Lärm, Erschütterungen und Strahlen zu verbessern.

1975 ging es dann der unkontrollierten Entsorgung von Abfällen an den Kragen: Das UBA deckte rund 50.000 wilde Mülldeponien in Deutschland auf und sorgte für deren Schließung. Die europäische Gemeinschaft erließ zudem die Abfallrahmenrichtlinie. Außerdem wurde vom UBA die Meldepflicht für die Rezepturen von Wasch- und Reinigungsmitteln eingeführt – mit Erfolg: Die Belastung der Gewässer sank.

1978 geht das UBA mit der Pressemitteilung „Wie verändert der Mensch das Klima“ (UBA-Kurzinformation 17/78) an die Öffentlichkeit. Ein Jahr später erscheint die Studie „Untersuchung der Beeinflussung des Klimas durch anthropogene Faktoren“, welche belegt, dass der Mensch das Klima⁠ verändert. Bereits damals wird darauf hingewiesen, dass es ab dem Jahr 2000 zu einer nachweisbaren globalen Erderwärmung kommen kann. Der vorhergesagte Temperaturanstieg tritt tatsächlich in der prognostizierten Größenordnung ein.

Die erste Weltklimakonferenz

1979 fand die erste Weltklimakonferenz – The First World Climate Conference -unter dem Dach der UN vom 12. bis 23. Februar 1979 in Genf statt. Sie wurde von der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) organisiert und Vertreter:innen aus Wissenschaft, Politik und Behörden aus 53 Nationen trafen dort zusammen.

Hier berieten Expert:innen von Organisationen der UNO über die Möglichkeiten der Eindämmung der durch den Menschen verursachten schädlichen Klimaveränderungen. Schwerpunkt und wichtiges Ergebnis war die hier ausgesprochene Warnung, dass die weitere Konzentration auf fossile Brennstoffe im Zusammenhang mit der fortschreitenden Vernichtung von Waldbeständen auf der Erde „zu einem massiven Anstieg der atmosphärischen Kohlendioxidkonzentration führen wird“. Noch im selben Jahr erfolgte im Mai die Gründung des Weltklimaprogramms (WCPWorld Climate Programme).

In den Jahren 1980, 1983 und 1985 folgten weitere Arbeitstreffen im österreichischen Villach. Hier kam 1985 eine internationale Gruppe von Wissenschaftler:innen zu dem Schluss, dass in der ersten Hälfte des folgenden Jahrhunderts ein Anstieg der globalen Mitteltemperatur auftreten würde, der beispiellos in der Geschichte der Menschheit wäre. Diese Expertengruppe empfahl zugleich eine enge Zusammenarbeit von Wissenschaftler:innen und Politiker:innen zur Ausarbeitung von Maßnahmen gegen die drohende Klimaänderung.

Die Delegierten beschlossen die Schaffung eines Weltklimaprogramms. In dessen Rahmen werden seitdem das Klima und seine Veränderungen untersucht. Strukturen wurden geschaffen zum Datenaustausch, Messnetze aufgebaut und Klimamodelle verbessert.

Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

Am 6. Juni 1986 wurde das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gegründet. Seither setzt sich dieses neu geschaffene Ministerium für viele wichtige Aufgaben ein, wie etwa den Schutz und die Erhaltung von Naturgebieten in der Alpenregion, oder das Grüne Band an der ehemaligen Grenze zur DDR als Symbol des friedlichen Zusammenwachsens in Deutschland und Europa nach Mauerfall und Wiedervereinigung. Es verbindet nicht nur die Lebensräume von Tieren und Pflanzen, sondern auch die der Menschen entlang der Grenzen und hat eine völkerverbindende und friedensstiftende Funktion. Die weiteren beschlossenen Aufgaben des Bundesumweltministeriums lauteten im Einzelnen:

  • Verbot von Stoffen, die die Gesundheit der Menschen und die Natur gefährden, zum Beispiel Blei oder Dioxine.
  • Artenschutz: Das BMUV ist weltweit mit dabei, wenn es um den Schutz seltener Tier- und Pflanzenarten geht.
  • Hochwasserschutz: Das BMUV hat Maßnahmen wie Überflutungsflächen in die Wege geleitet, damit Fluss-Hochwasser weniger Schaden anrichten.
  • Schutz der Ozonschicht: Die Ozonschicht schützt uns vor den gefährlichen Strahlen der Sonne, dem sogenannten ultravioletten Licht.
  • Änderung der Wegwerf- zur Kreislaufgesellschaft durch Regeln für weniger Müll. Ein Beispiel hierfür ist die Pfandpflicht für Einwegflaschen und Dosen.
  • Energiewende: Weg von Kohle, Öl, Gas und Atomenergie hin zu Energie aus Wasser, Wind, Sonne und Biomasse.
  • Schutz des Klimas: Der Ausstoß von Treibhausgasen muss gesenkt werden. Im Dezember 2015 gab es den entscheidenden Durchbruch mit dem neuen Weltklimaabkommen von Paris.

Wichtig wäre dabei aber nicht nur, dass entstandene Umweltschäden behoben werden, sondernd dass diese gar nicht erst entstehen können.

Fast ein halbes Jahrhundert später ist die Erde, trotz dieser mannigfachen Umweltschutzbestrebungen, noch immer mit der manifesten Klimaerwärmung durch den Anstieg der menschlich verursachten Treibhausgase, mit der Zerstörung der Biodiversität, dem Absinken und der Verunreinigung des globalen Wasserhaushalts konfrontiert. Alle Probleme bei der Minimierung der Auswirkungen durch die globale anthropogene Lebensweise wurden kaum gelöst.

Die globale Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung

Im Jahr 2015 verabschiedeten daher die Vereinten Nationen (UN) in New York ein ziemlich einzigartiges Dokument: Sie entwickelten einen Plan, der die Welt bis zum Jahr 2030 nachhaltig gestalten soll. Einzigartig ist daran, dass sich alle 193 Staaten der Vereinten Nationen auf diesen Plan zur „Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ geeinigt haben.

Auch während des Entstehungsprozesses der Agenda 2030 wurden Abkommen und globale Entwicklungsziele vereinbart, auf deren Ergebnissen und Erfahrungen die SDGs beruhen.

  • So wurde bei der Konferenz Rio+20 der Vereinten Nationen 2012 in Rio de Janeiro bereits über nachhaltige Entwicklungsziele diskutiert, und darüber, wie ökonomische und ökologische Themen verbunden werden können.
  • Im Klimaübereinkommen von Paris im Jahr 2015 wurden dazu weltweite Klimaschutzziele definiert.

Die 17 Haupt- und 169 Unterziele sprechen alle Dimensionen der Nachhaltigkeit an – es werden sowohl ökologische als auch soziale und ökonomische Ziele formuliert. Es müssen aber immer alle drei Dimensionen zusammen betrachtet werden – genauso wie die Ziele „unteilbar“ sind. Der Prozess hin zu dieser 2030-Agenda gilt als einer der umfassendsten und transparentesten der UN-Geschichte. Die UN haben mit der Verabschiedung der 17 Ziele faktisch alle Staaten zu Entwicklungsländern gemacht. Denn in jedem Land gibt es noch Potentiale, nachhaltiger zu werden.

Die ersten Millenium Development Goals

Die SDGs waren nicht die ersten weltweiten Zielvereinbarungen der Vereinten Nationen. Vorläufer der SDGs waren die Millenium Development Goals (MDGs), die im Jahr 2000 von einer Arbeitsgruppe aus Vertretern der Vereinten Nationen, der Weltbank, des IWF und des Entwicklungsausschusses Development Assistance Committee der OECD formuliert worden sind. Diese damals vorgelegten acht Ziele hätten bis zum Jahr 2015 umgesetzt werden sollen. Die Millenium Development Goals lauteten:

Die 8 Zielvereinbarungen der United Nations aus dem Jahr 2000, Grafik: UN Website

  • Keine Armut,
  • Demokratie und Menschenrechte,
  • Schulbildung für alle,
  • Förderung der Gleichstellung von Männern und Frauen,
  • Senkung der Kindersterblich, Verbesserung der Gesundheit von Müttern,
  • Bekämpfung von HIV/Aids sowie anderen Krankheiten,
  • ökologische Nachhaltigkeit und Schutz der gemeinsamen Umwelt,
  • Entwicklungspartnerschaft der Regierungen.

Tatsächlich konnte dadurch zwar die extreme Armut weltweit gesenkt werden, doch viele weitere Ziele nachhaltiger Entwicklung blieben unverwirklicht. Außerdem wurde an den damalig festgelegten acht Entwicklungszielen von vielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern kritisiert, dass zur Umsetzung der darin formulierten Aufgaben nicht alle Länder einbezogen und vor allem die Industrieländer kaum in die Pflicht genommen wurden.

Der Lobbyismus gegen nachhaltige Entwicklung

Noch bis in die heutige Zeit treffen viele Industrieländer keine in die Zukunft weisende Entscheidung, wie etwa künftig Investitionen in Öl, Gas und Atomkraft einzustufen sind. Lobbyisten und politische Befürworter der Kernenergie wie auch der fossilen Energien dominieren seit Monaten erfolgreich die politische Auseinandersetzung, warum Öl, Gas und Atomkraft zumindest als Übergangstechnologien für das künftige Wirtschaftswachstum notwendig sind, und somit unter nachhaltige Kriterien fallen.

So stufte kürzlich auch eine Expertengruppe des Joint Research Center (JRC) – ein Großforschungszentrum der Europäischen Union, dessen Anfänge in der Nuklearforschung lagen – die Nutzung der Atomenergie als nachhaltig ein.

Die EU-Taxonomie-Verordnung, die im Juli 2020 als Bestandteil des sogenannten „Europäischen Green Deals“ in Kraft getreten ist, sollte – laut EU-Kommission – ein Regelwerk entwickeln, das zukünftig ein Klassifizierungssystem für fundamentale Umweltstandards festlegt, um dadurch eine dauerhaft nachhaltige Transformation der Industrie in ein europaweit umweltschonendes Wirtschaften zu erreichen.

Bis heute ist es der EU nicht gelungen, dieses Regelwerk in allen einzelnen Mitgliedstaaten einzuführen. Ob dies in Zukunft gelingen wird, bleibt angesichts der aktuellen weltpolitischen und sozialen Entwicklungen durchaus fraglich.

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Guido Rochus Schmidt

Guido Rochus Schmidt

Autor, Umweltexperte, Fachtexter

Guido Rochus Schmidt war von 1979 bis 2013 Geschäftsführer der Ulenspiegel Druck GmbH, einer der bis heute nachhaltigsten Medien- und Druckdienstleister in Europa, bereits seit 1999 nach Verordnung der Europäischen Union mit EMAS zertifiziert. Als Umweltexperte betreute er von 1999 bis 2017 die ökologische Fortentwicklung des Unternehmens.

Seit 2017 berät der Experte Unternehmen bei allen Fragen der Nachhaltigen Medienproduktion.

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