Skurril #04: Was für Psychos!

(Lesezeit: 3 Minuten)

Der Film American Psycho ist besonders wegen seiner Visitenkarten-Szene in die Filmgeschichte eingegangen.

Im Kern beschreibt der 80er-Streifen das Leben des Investmentbankers Patrick Bateman und könnte aktueller kaum sein. Bateman möchte dazugehören, von der Gruppe anerkannt werden. Dabei kommt es ihm vor allem auf Äußerlichkeiten an.

Sein Selbstwertgefühl leidet extrem, als sein Kollege Paul Allen eine Visitenkarte in einer Runde affektierter Snobs der Bänkerszene umherzeigt, die ihm deutlich stilvoller erscheint als seine eigene. Bateman beschließt, und zwar nur aus diesem Grund, einen Mord an Allen zu begehen. Warum gerade Visitenkarten den initialen Funken für die weitere Handlung liefern, ist nicht geklärt.

Szene Visitenkarten, American Psycho

Die Szene aus dem Film American Psycho zeigt affektierte Bänker beim Wettbewerb um Status-Symbole. In diesem Fall Visitenkarten. Bildnachweis: Videoausschnitt Youtube.


Präzisionstiefe von Botschaften bei Print
unsympathisch, aber real dargestellt

Aufschlussreich sind die in der Szene von den aalglatten Typen betont aufgelisteten Farben, Typografien oder Papiersorten ihrer Businesscards, während sie die Druckwerke als Status- und Stilsymbole stolz in der Gruppe präsentieren. Wie in keiner anderen Filmszene wird hier, wenn auch auf eine sehr skurrile und unsympathische Weise, deutlich, wie Print im Zusammenspiel aus einer riesen Bandbreite haptischer, optischer und heutzutage auch funktionaler Gestaltungsoptionen zusammengesetzt sein kann.

Vor allem, wie gerade die Kombination verschiedener kreativer Elemente Einfluss auf die Gesamtwirkung des analogen Mediums nimmt, die mit digitalen Pendants z. B. für Marketingkampagnen so nicht möglich sind. Die kreativen Möglichkeiten potenzieren sich mit individuell und nicht im System- oder Sammeldruck produzierten Drucksachen, bis hin zu technischen Extras z. B. bei Visitenkarten wie QR-Codes, Near Field Communication oder z. B. in Print integrierte Displays oder sonstige technische Features.

Der Slogan „Print lebt“ ist eine
völlig überflüssige gute Absicht

Es ist Fakt, dass Drucksachen besonders im zielorientierten Marketing emotional mehr erreichen können als digitale Medien. Unzählige Beispiele aus der Praxis und handfeste Studien belegen dies seit Anbeginn der digitalen Ära immer wieder und vor allem immer noch. Selbst der Werbewert eines Wandkalenders kann Smartphones situativ toppen.

Grundsätzlich ist das Verhalten von Patrick Bateman gar nicht so weit vom täglichen Treiben da draußen entfernt …

… wenn auch nicht in Bezug auf Mordgelüste, wenigstens aber bezogen auf verletzte oder prinzipiell bestehende Eitelkeiten. Dazu genügt ein Blick auf einen Schulhof oder die eigene Timeline bei Facebook. Der sog. kollektive Zwang oder die Sozialisierung auf Eitelkeiten frei nach dem Motto von Gottfried Keller „Kleider machen Leute“ ist ein Phänomen, mit dem sich die Wissenschaft bereits seit Jahrhunderten beschäftigt. Auch hätte es heißen können „Dinge machen Leute“.

Manchmal sind es Phrasen oder die Macht nur einzelner Begriff, die in die Irre oder zu falsche Assoziationen führen. Dann glauben wir, selbst als Experten und Menschen mit viel Erfahrung zu gerne das, was wir glauben wollen. Discount z. B. assoziiert Einsparung und Schläue, bringt aber häufig das genaue Gegenteil. Bei Lebensmitteln häufig nur noch die Illusion von Nährwert. Oder im Marketing die Kopie einer tatsächlich werthaltigen Kampagne.

Kollektiv lässt es sich leichter irren

Im Gegensatz zum Drang, der Gruppe durch dingliche Status-Symbole anzugehören, gibt es sowas wie eine umgekehrte kollektive kognitive Dissonanz bei der Akzeptanz von Billigkeit: Denken wir an die Gleichgültigkeit im Umgang mit gefährdender Handystrahlung. Oder an Discountdrucksachen, die wir selbst dann häufig nur des Preises wegen ordern, wenn so gut wie sicher ist, dass aufwändigere und z. B. veredelte Versionen von Drucksachen deutlich mehr Resonanz erwirtschaften würden.

Dann fungiert Kollektivismus im Sinne von Eitelkeit eher als willkommene Ausrede, um sich gerade nicht ins Zeug zu legen oder keinen bei Print ggf. größeren Gefahrenübergang (Druckdaten) zu riskieren. Hier greift kein Status-Verlangen im Sinne von Eitelkeit, sondern eine kollektiv nur zu gerne akzeptierte Rechtfertigung. Stattdessen soll schon beim Einkauf der gewünschte wirtschaftliche Vorteil (der mit jeder Marketingkampagne verbunden ist) erreicht werden, aber:

Der kaufmännische Leitsatz: „Im Einkauf liegt der Gewinn“ könnte im Marketing häufig falscher nicht sein.