Klimakiller: Digitale Medien versus Print

von | 2019, August | Nachhaltige Medien

Titelbild: DarkWorkX auf Pixabay

Das Medium Print belastet die Umwelt stärker als die jeweiligen digitalen Pendants? So jedenfalls wird seitens großer Konzerne häufig argumentiert. In den sogenannten Sustainability Declarations (Nachhaltigkeits-Erklärungen) globaler Konzerne wird dann explizit auf die Reduzierung von Print hingewiesen und das diese durch umweltfreundlichere digitale Komponenten ersetzt wurden. Warum das de facto häufig nicht richtig ist, weiß Umweltexperte Guido Schmidt.  

Guido Schmidt berichtet über die Holzmafia

Die Internetnutzung bzw. der Gebrauch digitaler Devices wie Notebooks oder Smartphones ist nicht per se umweltfreundlich, sondern belastet definitiv das Klima. Nicht nur die Großrechner von Unternehmen wie Google, Facebook, Ebay, Amazon, Microsoft oder Apple benötigen Unmengen an Strom, sondern auch jeder Klick, jede Suchanfrage, jeder Download, jede Minute, die ein PC arbeitet, summiert sich zu einem gewaltigen Stromverbrauch.

Der jährliche CO2-Ausstoß des weltweiten Internets ist inzwischen so groß wie der des globalen Flugverkehrs.

Der Energiehunger des Internets hat sich seit dem Jahr 2000 alle fünf Jahre fast verdoppelt. Ein Ende ist nicht in Sicht. Und das Bewusstsein über die Umweltauswirkungen der Digitalisierung scheint bei Unternehmen wie auch Nutzern eher marginal zu sein.

Allein in Deutschland werden etwa 10 % des jährlichen Stromverbrauchs, nämlich mittlerweile 64 Millionen Kilowattstunden, nur für die digitale Kommunikation benötigt.

Dies verursacht circa 33 Millionen Tonnen an CO2-Emissionen. Das sind mehr als 20 % der Emissionen, die durch den Kfz-Verkehr (163 Mio. t) entstehen, 125 % der Emissionen des deutschen Luftverkehrs (26,5 Mio. t) und immerhin fast 5 % der gesamten deutschen CO2-Emissionen (793 Mio. t).

Von den 33 Millionen Tonnen CO2, die das deutsche Internet emittiert, entfallen 48 % auf PCs und entsprechende Hardwarekomponenten, 25 % auf Rechenzentren, 18 % auf Telekommunikationsnetze sowie 9 % auf Endgeräte der Telekommunikation.

Doch nicht nur die großen Unternehmen des Internets verschmutzen die Umwelt mit dem Treibhausgas CO2. Auch wir, die gewerblichen und privaten Internetnutzer, sind in großem Maße daran beteiligt, sobald wir bei Google eine Suchanfrage starten, oder unsere Daten in der Cloud ablegen, oder eine E-Mail schreiben, oder unsere Computer stundenlang laufen.

Klimakiller Suchanfrage?

Allein für eine einzige Suchanfrage bei Google verbraucht ein durchschnittlicher PC genau so viel Strom wie benötigt wird, um ein Zimmer mit einer 40-Watt-Energiesparlampe eine halbe Stunde lang zu beleuchten. Wie viel ein Computer tatsächlich bei der Nutzung verbraucht, hängt von der Hardware, dem Verhalten des Nutzers und dem Nutzungszweck ab. Unabhängige Studien berechneten durchschnittlich 2,8 Watt Stromverbrauch pro Klick auf den Suchbutton, was einer Emission von 1,8 g CO2 entspricht. Moderne Laptops schneiden dabei wesentlich günstiger ab.

Klimakiller Internet-Cloud?

Durch die Ausbreitung von Cloud- und Streaming-Diensten steigt auch das permanent bewegte Datenvolumen explosiv an. Die dafür benötigten Rechenzentren sind für ihren hohen Energieverbrauch bekannt.

Wenn die führenden Internet-Unternehmen nicht einen Weg finden, auf traditionelle umweltschädliche Stromquellen zu verzichten, wird durch Streaming-Dienste der Ausstoß des Klima-Killers CO2 in den nächsten Jahren rasant ansteigen. Bei der Kühlung der Server wird Energie förmlich zum Fenster hinaus geblasen. Statt auf Luftkühlung wie bisher, müsste konsequent auf Wasserkühlung gesetzt werden, um die Abwärme zu nutzen. Das geschieht bisher nur in Testanlagen und bei Universitätsrechenzentren, wie etwa in Darmstadt.

Doch um die Abwärme zu nutzen, müssen Kommunen, Rechenzentren-Betreiber und Internetdienste eng zusammenarbeiten.

Klimakiller E-Mail?

Laut einer Studie von BIOIS im Auftrag der Europäische Kommission, wurden allein im Jahr 2009 weltweit 247 Milliarden E-Mails pro Tag verschickt. Ein E-Mail-Rechenzentrum verbraucht dabei durchschnittlich 100 kWh pro Jahr und pro Nutzerkonto – das entspricht einer CO2-Emission von 52,7 kg. Dieser Verbrauch setzt sich zusammen aus der Anzahl versendeter, empfangener und gespeicherter E-Mails. Der Versand einer E-Mail ohne Anhang beläuft sich auf etwa 1,05 Watt, mit großem Anhang auf etwa 26 Watt. Der CO2-Ausstoß im Jahr 2009 betrug damit 37.791 Tonnen pro Tag.

Bedenkt man, dass sich der Energiebedarf des Internets alle 5 Jahre verdoppelt, dürfte die tägliche Belastung der Umwelt mit CO2 im Jahr 2019 bei 151.164 Tonnen angekommen sein.

Notebook, Smartphone, Umwelt

Sauber, glatt und umweltfreundlich: so präsentiert sich die Digitalisierung häufig. Doch der ökologische Fußabdruck digitaler Medien ist weit weniger nachhaltig, als häufig vermutet. Tatsächlich zeigen analoge, gedruckte Medien im Vergleich dazu eine umweltfreundlichere Klimabilanz auf. Bild von David Schwarzenberg auf Pixabay.

Klimakiller PC

Wissenschaftler der Technischen Universität Berlin fanden heraus, dass

die Produktion eines neuen PCs so viele Rohstoffe verbraucht wie die Herstellung eines durchschnittlichen Sportwagens.

Der benötigte Energieaufwand beträgt 535 kWh, das sind 273 kg an CO2-Emissionen. Ein gebrauchter Computer kann damit rund acht Jahre lang betrieben werden.

Klimakiller autonomes Fahren und Internet der Dinge

Noch stecken autonomes Fahren oder die Vernetzung von Haushaltsgeräten und anderer physikalischer Objekte mit dem Internet in den Kinderschuhen. Doch sobald diese Entwicklungen flächendeckend umgesetzt werden, nehmen die dafür benötigten Datenmengen exponentiell zu, und damit auch der Energieverbrauch. Das macht diese Entwicklung energie-und umweltpolitisch zu einer existenziellen Herausforderung für die Menschheit.

Klimaschonung durch die Nutzung analoger Printmedien – ein Ausweg!

Trotz der verheerenden Auswirkung des Internets bzw. der Digitalisierung insgesamt auf die Umwelt gilt es in der öffentlichen Meinung als umweltfreundliche Alternative zur den Produkten analogen Kommunikation.

Im Auftrag des Fachverbandes Druck und Papiertechnik, haben daher das Fraunhofer Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik (UMSICHT) sowie das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) die ökologischen Auswirkungen vergleichbarer gedruckter und digitaler Medien untersucht. Das Ergebnis beider Studien zeigt, dass es sich keineswegs so verhält, wie von vielen erwartet:

Gedruckte, also analoge Medien haben im Verhältnis zur jeweiligen elektronischen Entsprechung nicht grundsätzlich eine schlechtere Umweltbilanz. Vielmehr ist oft das Gegenteil der Fall: Es gibt zahlreiche Situationen, in denen es allemal umweltfreundlicher ist, ein Buch zu lesen, anstatt den Computer anzuschalten, um sich ein E-Book herunterzuladen.

Abgesehen von Anwendungen, für die es jeweils entweder keine digitalen oder analogen Alternativen der Mediennutzung gibt, zeigen die folgenden drei Beispiele, dass Print häufig besser als sein Ruf ist.

Tageszeitung versus Online-Zeitung

Die Printzeitung verbraucht im Vergleich zur Online-Zeitung deutlich mehr Primärenergie. Der Carbon-Footprint sowie die Gesamtumweltbelastung sind ebenfalls größer. Das spricht eigentlich gegen die gedruckte Zeitung.

Im Durchschnitt liest jeder Deutsche 312 Tageszeitungen pro Jahr. 312 gedruckte Tageszeitungen erzeugen bei der Herstellung eine Emission von 79 kg CO2 pro Person. 312 Online-Zeitungen erzeugen dagegen nur 48 kg CO2 pro Person, sofern diese auf einem iPad unter Benutzung von W-LAN oder UMTS gelesen werden. Berücksichtigt man jedoch, dass eine gedruckte Tageszeitung laut UMSICHT-Studie im Durchschnitt von 2,8 Personen gelesen wird, verschiebt sich das Verhältnis mit 28,2 kg CO2 pro Person deutlich zugunsten des gedruckten Mediums.

Schulbuch versus elektronisches Lehrmittel auf Notebook

Für das Schulbuch ermittelt die Studie CO2-Emissionen von 8,5 kg pro Buch. Der größte Teil entfällt hier auf die Herstellung von Zellstoff. Der durchschnittliche Lebenszyklus eines Schulbuchs beträgt etwa 5 Schuljahre, also 1,8 Kilogramm CO2 pro Nutzung. Beim elektronischen Lehrmittel auf einem Notebook beträgt die CO2-Emission für Herstellung und Nutzung des Notebooks 12 Kilogramm. Das Ergebnis ist deutlich: Der Vergleich des Primärenergieaufwands und der Treibhausgasemissionen zeigt, dass das Lesen von gedruckten Schulbüchern bei den genannten Parametern deutlich günstiger abschneidet als das Nutzen von elektronischen Lehrmitteln.

Taschenbuch versus E-Book

Das Taschenbuch schneidet beim Gesamtenergieverbrauch und der Gesamtumweltbelastung besser, beim Primärenergieverbrauch jedoch schlechter ab als das E-Book. Mit dem E-Book-Reader könnten 59 Taschenbücher gelesen werden, um den gleichen Carbon Footprint wie beim gedruckten Taschenbuch zu erreichen. Da die Deutschen im Schnitt jedoch nur zwölf Bücher im Jahr lesen, sind E-Book-Lesegeräte nur bei Viellesern von Vorteil, bei Durchschnitts- und Weniglesern aber nicht.

Notebook, Müll, klimaschädlich

Unter Berücksichtigung des Energieverbrauchs für die Herstellung von digitalen Devices sowie der späteren Entsorgung, ist die Klimabilanz digitaler Medien insgesamt bis heute verheerend und weit weniger umweltfreundlich, wie häufig auch vonseiten großer Konzerne dargestellt wird. Bild von DarkWorkX auf Pixabay.

Fazit

Die Öko-Bilanz hängt oft von Dauer und Häufigkeit der Nutzung ab. Wie lange sitzt man vor dem PC und liest seine Online-Zeitung? Wie viele Bücher liest ein Nutzer im Jahr? Wie viele Menschen nutzen ein Medium gemeinsam? Das Online-Medium wird in der Regel allein genutzt, mit unterschiedlicher Hardware und unterschiedlichen Netzen, die ebenfalls Einfluss auf die Umweltbelastung haben.

Es gibt aber auch Bereiche, bei denen das elektronische Medium umweltfreundlicher als Print abschneidet, etwa im Vergleich zu Fast-Print-Produkten wie Supermarkt-Fresszettel, Werbefolder oder Warenkataloge. Massendrucksachen sind weniger nachhaltig, zum Beispiel im Vergleich zu Büchern, Geschäftsberichten oder gedruckte Verpackungen, die wieder verwendet werden.

Letzten Endes verschwindet aber jeder Umweltvorteil elektronischer Medien, sobald Informationen aus dem Internet ausgedruckt werden.

Quellen:

  • Studie – Elektronische Medien sind nur manchmal ökologisch vorteilhaft
  • VDMA Druck- und Papiertechnik, www.vdma.org/druck+papier
  • McAfee_CO2_Spam_BRD.pdf
  • DuP-Studie_Vergleich_Oekolog.Aspekte_k.pdf
Guido Rochus Schmidt

Guido Rochus Schmidt

Autor, Umweltexperte, Fachtexter

Guido Rochus Schmidt war von 1979 bis 2013 Geschäftsführer der Ulenspiegel Druck GmbH, einer der bis heute nachhaltigsten Medien- und Druckdienstleister, die bereits 1999 nach Verordnung der Europäischen Union mit EMAS zertifiziert wurden. Als Umweltexperte betreute er von 1999 bis 2017 die ökologische Fortentwicklung des Unternehmens.

Seit 2017 berät der Experte auch andere Unternehmen im Bereich Nachhaltige Medienproduktion. Daneben gibt der leidenschaftliche Bluesmusiker mit seiner Band Señor Blues Konzerte in Deutschland und Europa.

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